BIENENWERKSTATT

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KÖNIGINNEN aus Wien

 

Grundsätzlich wäre in Wien nur die Carnica erlaubt, aber wie heute fast schon üblich, ist das nur Theorie. Wie sieht also die Praxis aus ?

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Wien hat mittlerweile eine sehr hohe Bienendichte. Der Großteil davon ist noch immer, oder besser gesagt - schon wieder - Carnica Abstammung. Das verdanken wir hauptsächlich dem hier ansässigen Großimker welcher verstärkt rund um die Stadt seine Völker aufgestellt hat. Es sind hauptsächlich F1 VERSCHIEDENER Carnica Abstammungen und sorgen damit für einen genetisch breit aufgestellten Drohnenspiegel.

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Zuchtkurse und Zuchtstoffabgabe in der Imkerschule haben auch dazu beigetragen das Verständnis für eine angepasste Biene zu fördern. Wien kennt sehr unterschiedliche, manchmal extreme Wetterlagen, bedingt durch ein Übergangsklima mit ozeanischem Einfluß aus dem Westen und Kontinentalen aus dem Osten. Daher wird auf Dauer kein genetisch eng begrenzter Ökotyp ausgebaut, sondern ein breiter Fächer von Anpassungsfähigkeit gefordert. Wien hätte gute Voraussetzungen für ein natürliches Reinzuchtgebiet mit dem Schwerpunkt auf Frühbrüter, gäbe es nicht die zahlenmäßig zwar nicht repräsentativen, aber dennoch vorhandenen Aussenseiter.

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Praktisch gesehen ist das für Wirtschaftsköniginnen kein erkennbarer Nachteil solange es F1 sind, aber für eine erfolgreiche Basiszucht schon.

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Somit bleibt alternativ "nur" die jährliche Fahrt zu der von Wien aus gut erreichbaren Sklenar Belegstelle in Mistelbach. Sie ist nahe an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt, was ebenfalls als Ausdruck eines wieder erwachten Selektionsbewusstseins verstanden werden kann. Die bisherige Wiener Belegstelle hat sich seit heuer (2017) von der Sklenar leider verabschiedet.

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Die Natur vermehrt und selektiert. Der Basiszüchter macht es ebenso. Die Natur kreuzt keine fremden Unterarten ein und vermehrt nicht nur von einer oder wenigen Königinnen, sondern von Vielen. Der Basiszüchter macht es ebenso. In Wien ist der Balanceakt zwischen Basiszucht und Belegstellenköniginnen auf einem guten Weg. Gebremst wird er etwas durch die jährlichen Neuzugänge in der Imkerschaft, welche noch kein Gefühl entwickeln konnten für diesen sensiblen Spagat. Vermutlich trifft dies auf viele Regionen zu, nicht nur auf Wien.

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Der Wiener Frühbrütertyp, dem der Carnica - Stamm, Sklenar mit seinen verschiedenen Linien ausgezeichnet entspricht ist ein gutes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit. Während Ende Februar/Anfang März in manchen Jahren bereits Flugwetter herrscht, kann es in anderen Jahren um dieselbe Zeit starke Minustemperaturen haben. Deshalb bewährt sich dieser Typ auch in höheren Lagen mit späterer Tracht. Umgekehrt ist das nicht so ideal. Spätbrüter Stämme der Carnica, z.B. aus der Ötscherregion, versäumen in Wien gerne einen Großteil der Tracht und erreichen ihr Maximum erst in der Zeit der Lindenblüte.

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Die Natur erweitert ihre genetische Bandbreite seit Anbeginn durch Mutationen und selektiert sie im Anschluss durch Modifikation. So entstanden alle heute existierenden, endemischen Arten und Unterarten. Der Wiener Typ ist eine weitere Modifikation deren Zuchtziel zwar auf einem guten Weg, aber keineswegs als abgeschlossen angesehen werden kann. Das wird sich auch in Zeiten einer rasanten Klimaveränderung nicht so schnell ändern. Daher ist der Begriff "Wiener Biene" - zwar einerseits eher als liebevoller "Kosename" zu verstehen, aber dennoch auch als genetisches Kraftpaket mit großem Potential für einen zukünftigen, angepassten Ökotyp. Allerdings ist dabei Bedacht zu nehmen auf mögliche, bereits bestehende Ökotypen, die vielleicht noch da und dort existieren und als lokaler Schatz angesehen werden sollten.

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